Innere und äußere Entspannung

Ob ich äußerlich als entspannt wahrgenommen werde oder innerlich tatsächlich auch entspannt bin, ist zweierlei. Ich kann nach außen hin relativ gelassen wirken und trotzdem nach innen eine Anspannung spüren. Während mein Körper nach außen entspannt aussieht, kann er innerlich an bestimmten Stellen angespannt sein. Diese Verspannungen bemerke ja erst mal nur ich – nach außen sind sie nicht ohne Weiteres sichtbar. Auch können mir, während ich nach außen Ruhe ausstrahle, zahlreiche Gedanken durch den Kopf gehen, ich kann hin- und hergerissen oder mit dem Ordnen irgendwelcher vorhandener Gefühle beschäftigt sein. Kurz gesagt: In mir kann es recht turbulent zugehen, auch wenn das äußerlich nicht immer sichtbar ist.

Manche Menschen verwechseln eine nach außen demonstrierte Ruhe, die im ungünstigen Fall auch mal eine Fassade sein kann, mit Desinteresse oder mangelndem Elan. Sie wissen ja nicht, was zur selben Zeit alles in mir abläuft.

Ich muss ehrlich gesagt auch nicht alles erzählen, weil ich der Meinung bin, dass ich meinen Weg selber gehen muss, so wie jeder zuallererst selber mit sich selbst und seinen Eindrücken klarkommen muss. Denn erst, wenn ich alles für mich selbst verarbeitet und eingeordnet habe, kann ich es eventuell zu gegebener Zeit auch richtig nach außen vermitteln und in diesem „Draußen“ für mich selber einstehen. Ich entscheide, wie, wann und was ich dann nach außen trage. Das ist natürlich mein ganz persönlicher Weg.

Es hat sicherlich auch etwas mit meiner Neigung zur Introversion zu tun, dass ich mich mit dieser Vorgehensweise am sichersten und wohlsten fühle. Extrovertierte Menschen würden vielleicht eher die Ansicht vertreten, alles müsse sofort ausgesprochen werden – egal, ob das Ausgesprochene später revidiert wird und ob es überhaupt Hand und Fuß hat. Wenn sich diese Strategie für sie richtig anfühlt, ist das in Ordnung so. Aber deswegen muss es noch lange nicht meine Strategie werden.

Eine Kehrseite hat dieses Vorgehen dennoch: Im Laufe der Zeit bauen sich andere aus diesem „ruhigen“ Eindruck, den ich vermittle, ein Bild von mir auf. Manche ziehen daraus den Schluss, ich sei immer entspannt. Wieder andere schließen womöglich pauschal aus diesem einen Eindruck, der in bestimmten Situationen entstanden ist, ich sei ignorant, stur oder desinteressiert. Hat sich dieses pauschale Bild erst verfestigt, ist es nur sehr schwer wieder zu revidieren. Selbst dann, wenn ich mich einmal anders verhalte. Das Bild in den Köpfen der jeweiligen Menschen schiebt sich dann noch lange vor die tatsächliche Realität und den individuellen Hintergrund der verschiedenen Situationen. Es braucht also wohl einige Zeit, um das jeweils richtigzustellen. Und nicht immer wird das zeitnah möglich sein, weil nicht in allen Situationen immer Gelegenheit für Erklärungen ist.

Letzendlich lassen sich solche Missverständnisse nur vermeiden, indem ich mich mehr zeige, andere ein Stückweit, soweit es mir sinnvoll erscheint und ich mich wohl damit fühle, an meinem Inneren teilhaben zu lassen. Das geht auch in kleinen Schritten. Beispielsweise kann ich auf die Frage „Wie geht es Dir?“, wenn ich es in der Situation angemessen finde und ich meine, dass es diese Person wirklich interessiert, die Frage für sie also nicht nur eine Höflichkeitsfloskel ist, wahrheitsgemäß darauf antworten. Ich muss es ja nicht lange ausführen, aber ein paar Stichworte zu meiner Gemütsverfassung würden schon reichen. Wer sich dafür interessiert, kann ja nachhaken. Dann kann ich mich entscheiden, ob ich mich darauf einlassen will oder nicht. Wenn nicht, wäre das Thema mit einem „Danke, ich möchte jetzt nicht darüber sprechen“ abgeschlossen. Und wenn derjenige sich durch die ehrliche Antwort irritiert, angewidert oder überfordert fühlen sollte, oder es diesem Menschen schlichtweg egal ist, dann hat sich die Sache ebenfalls erledigt. Das wäre ja dann nicht mein Problem.

Eine weitere Übung in Authentizität ist es, öfter mal den Mut aufzubringen, zu sagen, was mich stört. Das hat den Vorteil, dass die ausgesprochene Sache aus der Welt geschafft werden kann, daher nicht mehr belastet und nun idealerweise eine für alle Seiten zufriedenstellende Lösung eingeleitet werden kann. Denn Harmonie um jeden Preis geht am Ende zu Lasten der Harmonie, vor allem der inneren und bei ansteigendem Druck bzw. Genervtsein eventuell auch der äußeren Harmonie und Entspannung. Und wenn das auch noch su subtil geschieht, wirkt es sich doch aus.

Zu verlieren habe ich eigentlich nichts, wenn ich mich mehr öffne. Die Menschen, die mir wirklich nahe stehen und auch MICH insgesamt akzeptieren, werden meine Ansichten akzeptieren und Anliegen ernst genug nehmen. Die anderen können mir egal sein. Sollte sich dabei ab und zu einmal die Spreu vom Weizen trennen, könnte ich mich darüber einfach freuen. Und natürlich auch meine eigenen Schlussfolgerungen daraus ziehen.

Mich darin üben, mich zu zeigen, so oft es mir möglich ist, und meine Ansichten – zur Not auch mal gegen Widerstände – zu vertreten, ist sicherlich ein guter Weg, damit äußere und innere Entspannung in immer mehr Situationen miteinander korrelieren.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s